Wenn die Kamera mitläuft: Warum Deeskalation im Krankenhaus zur Pflichtaufgabe wird
Es ist ein Bild, das nachdenklich macht: Christian Eggers, Pfleger in der Notaufnahme des Klinikums Dortmund seit 33 Jahren, befestigt vor jeder Schicht eine kleine Kamera an seiner Brust. Nicht, weil er es will. Sondern weil es nötig geworden ist.
Das Klinikum Dortmund ist das erste Krankenhaus in Deutschland, das Bodycams für sein Personal testet – in den Notaufnahmen der Standorte Mitte und Nord sowie in der Kinderklinik. Die Pilotphase läuft über drei Monate. Das Signal dahinter ist unmissverständlich: Gewalt gegen Pflegepersonal ist kein Randphänomen mehr. Es ist Alltag.
Die Zahlen sprechen eine klare Sprache
Das Deutsche Krankenhausinstitut (DKI) hat im Krankenhaus-Barometer 2025 erhoben, was viele im Gesundheitswesen längst spüren: 51 Prozent aller körperlichen Übergriffe in Kliniken treffen Pflegekräfte. 72 Prozent der befragten Häuser berichten, dass Übergriffe in den vergangenen fünf Jahren deutlich oder mäßig zugenommen haben. Laut Deutscher Krankenhausgesellschaft (DKG) haben rund 70 Prozent der Klinikbeschäftigten verbale Übergriffe erlebt, 25 Prozent körperliche Gewalt.
Und das ist noch die erfasste Seite. Das Wormser Krankenhaus meldete 2024 mehr als doppelt so viele Übergriffe wie im Vorjahr – und geht gleichzeitig von einer deutlichen Dunkelziffer aus, weil viele Vorfälle schlicht nicht gemeldet werden.
In Hamburg registrierte der Senat in jedem der vergangenen fünf Jahre rund 100 Übergriffe allein in Kliniken. In Niedersachsen und Bremen melden Krankenhausgesellschaften eine klare Zunahme aggressiven Verhaltens – besonders in Notaufnahmen, wo lange Wartezeiten, Sucht oder psychische Belastung häufig als Auslöser wirken.
Was die Fälle gemeinsam haben
Die Situationen, in denen es eskaliert, sind erschreckend ähnlich: Wartezeiten in der Notaufnahme, Sprachbarrieren, Alkohol oder Drogen, psychische Ausnahmesituationen – und ein Team, das gleichzeitig retten, kommunizieren und deeskalieren soll.
Das Klinikum Dortmund hat bereits vor den Bodycams reagiert: Mitarbeitende tragen keine Namensschilder mehr, aus Angst vor Drohungen. Nachts ist in der Notaufnahme ein Sicherheitsmitarbeiter im Einsatz. Und nun eben die Kamera – als sichtbares Signal: Wir schauen hin, und wir schützen unser Personal.
Auch der Gesetzgeber reagiert: Ab Dezember 2025 sieht ein neuer § 116 StGB vor, dass Angriffe auf Angehörige staatlich geregelter Heilberufe dem Strafrahmen für Angriffe auf Einsatzkräfte gleichgestellt werden – mit Freiheitsstrafen von bis zu fünf Jahren.
Das sind wichtige Schritte. Aber Bodycams und Gesetze sind reaktive Maßnahmen. Was fehlt, ist das Davor.
Deeskalation beginnt vor dem Ausrasten
Wer erst deeskaliert, wenn jemand laut wird, ist zu spät dran. Professionelle Deeskalation beginnt im Blickkontakt, in der Körperhaltung, in der Art, wie man eine wartende Person anspricht. Sie beginnt damit, zu erkennen: Diese Person ist nicht böse. Diese Person ist in Not.
Das klingt selbstverständlich. Ist es aber nicht – besonders nicht in einer Notaufnahme um 3 Uhr morgens nach der achten Stunde Dienst.
Genau hier liegt die eigentliche Herausforderung: Deeskalationskompetenz ist kein Naturtalent. Sie ist eine erlernbare Fähigkeit. Und wie jede Fähigkeit verblasst sie, wenn sie nicht trainiert wird.
Wie man Belegschaft wirklich sensibilisiert – und nicht nur schult
Ein einmaliges Pflichttraining alle zwei Jahre reicht nicht. Studien zur Lernpsychologie zeigen: Wissen, das nicht regelmäßig abgerufen und angewendet wird, wird vergessen. Und Fähigkeiten, die man nur in der Theorie kennt, stehen in echten Stresssituationen nicht zur Verfügung.
Was stattdessen wirkt:
Regelmäßigkeit statt Einmaligkeit. Kurze, wiederkehrende Lernimpulse – auch 5 bis 10 Minuten – halten Wissen lebendig und bauen echte Handlungssicherheit auf. Microlearning-Formate, die direkt in den Arbeitsalltag integriert werden, sind hier deutlich wirksamer als die jährliche Pflichtstunde.
Szenarien statt Folienberge. Menschen lernen durch Erleben. Rollenspiele, interaktive Fallbeispiele, Simulationen – wer eine schwierige Situation einmal „durchgespielt" hat, reagiert in der echten Situation anders. Das Lernkino als Format schafft genau das: einen geschützten Raum, um Verhalten zu erleben, zu reflektieren und zu trainieren.
Emotionale Relevanz. Trockene Compliance-Schulungen werden weggeklickt. Inhalte, die echte Fälle zeigen, die berühren und zum Nachdenken bringen, bleiben. Der Pfleger mit der Bodycam, der seit 33 Jahren seinen Job macht – das ist eine Geschichte, die etwas auslöst. Genau dieses Prinzip sollte auch in Lerninhalten wirken.
Spezifische Inhalte für spezifische Kontexte. Notaufnahme, Psychiatrie, Geriatrie – die Auslöser und Dynamiken von Eskalation sind je nach Setting verschieden. Gute Sensibilisierung kennt den Unterschied.
Was das mit Lernen zu tun hat
Wir bei mybreev glauben: Wissen ist nur dann wertvoll, wenn es da ist, wenn man es braucht. Im Kopf. Abrufbar. Verankert.
Deeskalationskompetenz ist ein perfektes Beispiel dafür, warum digitales Lernen – richtig gemacht – einen echten Unterschied machen kann. Nicht als Ersatz für praktisches Training, aber als Begleitung: wiederkehrend, relevant, ansprechend aufbereitet. So, dass man es nicht weiterklickt, weil man es tatsächlich sehen will.
Bodycams sind ein Signal der Zeit. Aber das eigentliche Ziel muss sein, dass sie möglichst selten aufleuchten müssen – weil die Situation gar nicht erst eskaliert.
Quellen
- WDR – Erstes Krankenhaus in De...
- WDR – Bodycams und Grüne Damen...
- WDR – Gewalt gegen Personal: M...
- medi-karriere.de – Gewalt gege...
- AOK – Gewalt gegen Pflegeperso...
- tagesschau.de – Gewalt gegen P...
- medinfoweb.de – Gewalt gegen H...
- kma-online.de – Statistik: Gew...
- bibliomed-pflege.de – Kliniken...
- kma-online.de – Klinikum Dortm...