Warum gleichförmige E-Learning Kurse Ihre Mitarbeitenden nerven
In vielen Organisationen sieht man ein ähnliches Bild: E-Learning-Kurse werden im Corporate Design des Anbieters oder des Unternehmens gebrandet. Gleiche Farbwelten, gleiche Sprecherstimmen, gleiche Bildsprache. Ein Kurs über Datenschutz sieht aus wie einer über Diversity oder Arbeitssicherheit.
Kommerzielle Erklärung: Einfach, billig, wiedererkennbar
Für Anbieter ist dieses Vorgehen praktisch. Ein einheitliches Design bedeutet: weniger Produktionsaufwand, geringere Kosten und eine konsistente Markenpräsenz. Das Unternehmen platziert sich als Brand im Kopf der Lernenden. Der Kurs wird so zum Werbeträger für die eigene Marke.
Evolutionstheorie als Begründung: Symmetrie zieht an
Man kann sogar einen psychologischen bzw. evolutionären Blickwinkel anführen: Menschen haben eine Vorliebe für Symmetrie. Sie assoziieren sie mit Gesundheit, Stabilität, Widerstandskraft. Attraktivität, so zeigen Studien, hängt oft vom „Durchschnittlichen“ ab – Francis Galton sprach schon im 19. Jahrhundert davon.
Kritik: Der Einheitsbrei bleibt nicht hängen
Doch genau hier liegt das Problem. Lernangebote, die immer gleich aussehen, wirken zwar ordentlich, aber sie brennen sich nicht ein. Der Wiedererkennungswert der Themen geht verloren, weil sich alles visuell und auditiv in einer homogenen Suppe auflöst.
Hinzu kommt: Symmetrie ist kein Garant für Wirkung. Was bei der Partnerwahl unbewusst funktioniert, führt im Lernen nicht zwingend zum Erfolg. Lernende brauchen Kontraste, Überraschungen, Reibungspunkte und nicht bloß den nächsten Kurs mit identischem Look and Feel.
Während Symmetrie und Durchschnittlichkeit auf den ersten Blick attraktiv wirken, zeigt die Forschung: Menschen heben sich vor allem durch gezielte Abweichungen hervor.
Attraktivität durch Akzente: Warum Abweichungen im Kopf bleiben
Attraktivitätsforschung spricht man von der „averageness plus distinctive features“-Hypothese: Besonders attraktiv wirken Gesichter oder Erscheinungen, die eine gewisse Symmetrie mitbringen – aber durch einzelne, markante Merkmale im Gedächtnis bleiben.
Ein Beispiel liefert die Modewelt: Auf dem roten Teppich sind es selten die perfekt durchschnittlichen Outfits, die Schlagzeilen machen. Es sind die Kleider mit ungewöhnlichen Schnitten, die auffällige Farbwahl oder ein bewusst gewählter Stilbruch. Psychologen wie Geoffrey Miller (Evolutionary Psychology) haben herausgearbeitet, dass solche Abweichungen als Signale für Kreativität und Individualität gelesen werden und damit Wiedererkennung schaffen.
Auch experimentelle Studien bestätigen: leicht abweichende Gesichter oder ungewöhnliche Stilelemente werden von Menschen länger erinnert und besser wiedererkannt (Rhodes et al., 2001). Symmetrie sorgt für „Grundattraktivität“, die Akzente sorgen für den Wow-Effekt.
Übertragen auf E-Learning heißt das: Ein Kurs, der thematisch oder visuell kleine, aber bewusste Abweichungen setzt – sei es in der Storyline, in der Bildsprache oder in der Tonalität – bleibt wesentlich besser im Gedächtnis als ein gleichförmiges Standarddesign.
Die zentrale Frage für Verantwortliche
Wenn Sie als Verantwortliche*r für Bildungsmedien in Ihrer Organisation vor der Entscheidung stehen, auf gleichförmige Lernangebote zu setzen, sollten Sie sich ehrlich fragen:
Glauben Sie selbst an die Wirkung dieser gleichförmig ästhetischen Lernprogramme?
Oder folgen Sie einer Bequemlichkeit, die zwar Markenwiedererkennung bringt, aber die Wirksamkeit des Lernens gefährdet?