„Kein sicherer Hafen für Täter – wie die Tourismusbranche Kinder schützen kann"
Millionen Menschen reisen jedes Jahr – auf der Suche nach Erholung, Abenteuer und neuen Erfahrungen. Doch hinter der Fassade mancher Reisedestinationen verbirgt sich eine erschreckende Realität: die sexuelle Ausbeutung von Kindern im Tourismus. Ein Thema, das seit Jahrzehnten existiert – und dennoch zu oft im Verborgenen bleibt.
Im Interview mit Antje Monshausen, Geschäftsführerin von ECPAT Germany, sprechen wir darüber, welche Trends Expertinnen und Experten heute besonders besorgen, welche Verantwortung Unternehmen der Tourismusbranche tragen und warum Schulungen für Mitarbeitende nicht optional, sondern notwendig sind. Denn eines ist klar: Wer wegschaut, macht sich mitschuldig. Wer hinschaut, kann Leben verändern.
Interview mit Antje Monshausen von ECPAT Germany
Wie würden Sie die aktuelle Situation der sexuellen Ausbeutung von Kindern im Tourismus beschreiben? Welche Entwicklungen oder Trends bereiten Ihnen derzeit besonders Sorge?
Obwohl die sexuelle Ausbeutung von Kindern im Tourismus seit rund 40 Jahren thematisiert wird, sehen wir leider keinen nachhaltigen Rückgang der Fallzahlen. Im Gegenteil: Das weltweite Wachstum des Tourismus führt dazu, dass heute mehr Kinder denn je gefährdet sind. Reisenden Sexualstraftäter(*innen) nutzen die Anonymität des Reisens und die Notlage vieler Kinder. Eine aktuelle repräsentative Studie aus den Niederlanden etwa belegen, dass gut zwei Prozent der Männer in den Niederlanden im Ausland Kinder sexuell missbrauchen. Für Deutschland gibt es eine solche Erhebung nicht - aber sie würden hochgerechnet hierzulande 80.000 Täter jährlich bedeuten.
Aktuell bereiten uns unterschiedliche Entwicklungen im Bereich der Digitalisierung Sorgen: Automatisierte Abläufe – etwa Self-Check-ins im Hotel – reduzieren persönliche Kontakte. Dadurch fallen Situationen weg, in denen geschulte Mitarbeitende Auffälligkeiten wahrnehmen und eingreifen könnten. Gerade Rezeptionist*innen und andere Mitarbeitende mit direktem Gästekontakt können eine entscheidende Rolle in der Aufdeckung von sexualisierter Gewalt gegen Kinder spielen.
Hinzu kommt, dass soziale Medien und Chat-Plattformen es Täter(*innen) ermöglichen, bereits vor der Reise Kontakt zu Kindern aufzunehmen und diesen auch nach der Reise aufrechtzuerhalten. Die Ausbeutung beginnt also häufig nicht erst am Urlaubsort, sondern wird digital vorbereitet und fortgesetzt. Aktuelle Fälle, zum Beispiel der eines Mannes aus Hessen, der in 13 Ländern reiste, zeigen auch, dass Täter(*innen) vor Ort neben der direkten sexuellen Gewalt zusätzlich Video- und Bildmaterial des Missbrauchs an Kindern produzieren. Diese Aufnahmen verbreiten sich online weiter und führen dazu, dass die Gewalt für die Betroffen nicht aufhört. Die Digitalisierung hat die Dimension und Reichweite der Taten somit erheblich verschärft.
Welche Rolle und Verantwortung tragen Unternehmen im Tourismus konkret, wenn es um den Schutz von Kindern geht? Wo sehen Sie den größten Handlungsbedarf?
Wir dürfen nicht nur auf den Tourismus schauen, denn reisende Sexualstraftäter(*innen) nutzen auch Dienstreisen oder langfristigen beruflichen Auslandsaufenthalte, um sexuelle Kontakte zu Kindern zu suchen. Es ist nicht nur die Tourismusbranche gefragt, sondern alle Unternehmen, die Mitarbeitende ins Ausland entsenden oder Dienstreisen durchführen. Unternehmen sollten deshalb Schutzkonzepte etablieren, Sensibilisieren, Meldewege definieren und so Verantwortung für den Kinderschutz übernehmen.
Aber zurück zum Tourismus: Reisende Sexualstraftäter(*innen) nutzen gezielt die touristische Infrastruktur – von Buchungsplattformen über Transportmittel bis hin zu Unterkünften –, um Kinder auszubeuten. Daraus ergibt sich eine klare Verantwortung der Branche, aber auch ein erhebliches Potenzial des Sektors, aktiv zum Schutz von Kindern beizutragen.
Reiseveranstalter stehen in direktem Kontakt mit ihren Kund*innen. Sie haben daher die Möglichkeit, frühzeitig zu sensibilisieren, klare Haltung zu zeigen und Zivilcourage zu fördern, indem sie beispielsweise auf die Meldeplattform www.nicht-wegsehen.net hinweisen. Bereits durch Informationen vor und während der Reise können sie deutlich machen, dass sexuelle Ausbeutung von Kindern eine Straftat ist und konsequent verfolgt wird.
Ein zentraler Handlungsbedarf liegt in der Sensibilisierung von Mitarbeitenden. Denn Beschäftigte in Hotels, bei Reiseveranstaltern oder als Tourguides sind die „Augen und Ohren“ der Tourismuswirtschaft. Wenn sie geschult sind und wissen, worauf sie achten müssen, können sie verdächtige Situationen erkennen und angemessen reagieren.
Wen betreffen Schulungen zum Kinderschutz im Tourismus eigentlich genau? Welche Mitarbeitenden oder Bereiche sollten unbedingt einbezogen werden?
Grundsätzlich sollten alle Personen geschult werden, die mit Reisenden in Kontakt stehen. Das beginnt bereits vor der eigentlichen Reise: Mitarbeitende im Reisebüro, im Vertrieb oder in der Kundenberatung sind häufig die ersten Ansprechpartner*innen und können durch ihre Sensibilisierung eine wichtige präventive Rolle spielen.
Vor Ort sollte das gesamte Personal einbezogen werden. Dazu gehören Rezeptionist*innen ebenso wie Mitarbeitende im Reinigungs- und Sicherheitspersonal oder Tourguides. Gerade sie erleben Gäste in unterschiedlichen Situationen und können Auffälligkeiten wahrnehmen, die anderen möglicherweise entgehen. Kinderschutz ist keine Aufgabe einzelner Abteilungen, sondern muss als Querschnittsthema im gesamten Unternehmen verankert werden.
Warum sind interaktive Schulungen in Form von Dialogsimulationen aus Ihrer Sicht so wichtig, um Mitarbeitende wirklich zu sensibilisieren und handlungsfähig zu machen?
Das Thema sexuelle Ausbeutung von Kindern ist sensibel und oft mit Scham behaftet. Vielen Menschen fällt es schwer, offen darüber zu sprechen oder sich vorzustellen, wie sie in einer konkreten Situation reagieren würden. Interaktive Schulungen, etwa in Form von Dialogsimulationen, bieten hier einen geschützten Raum, in dem Mitarbeitende verschiedene Szenarien durchspielen und Handlungsoptionen erproben können.
Solche Simulationen machen deutlich, dass Hinweise häufig subtil sind und Gespräche schnell eskalieren können. Wer diese Situationen bereits im Training erlebt hat, fühlt sich im Ernstfall sicherer und ist eher bereit, Verantwortung zu übernehmen. Gleichzeitig vermitteln wir in diesen Trainings eine klare Haltung: Die sexuelle Ausbeutung von Kindern darf niemals relativiert, bagatellisiert oder gar den betroffenen Kindern angelastet werden.
In unserer ersten Schulung stehen Tourguides im Fokus. Weitere Versionen sind geplant – etwa für Mitarbeitende im Reisebüro im Kundengespräch sowie für Gespräche zwischen Reiseveranstaltern und Hotelmanager*innen, wenn es in einer Unterkunft zu einem Vorfall gekommen ist. So werden unterschiedliche Perspektiven und Verantwortungsbereiche praxisnah abgebildet.
Was können touristische Unternehmen heute ganz konkret tun, um wirksam zur Prävention sexueller Ausbeutung von Kindern beizutragen?
Ein wichtiger und konkreter Schritt ist die Unterzeichnung des internationalen Kinderschutzkodex unter www.thecode.org. „The Code“ bietet Unternehmen ein strukturiertes und praxiserprobtes Managementinstrument, um Kinderschutz systematisch im Unternehmen zu verankern.
Dazu gehören die Entwicklung und Implementierung eines verbindlichen Kinderschutzkonzepts, regelmäßige Schulungen für Mitarbeitende sowie die Einbindung von Dienstleisterinnen und Wirtschaftspartnern entlang der gesamten Wertschöpfungskette. Ebenso wichtig ist die Zusammenarbeit mit Akteurinnen aus Wirtschaft, Zivilgesellschaft und Strafverfolgungsbehörden in den jeweiligen Destinationen. Ein weiterer Bestandteil ist die Sensibilisierung von Reisenden, um klare Signale gegen sexuelle Ausbeutung zu setzen und Zivilcourage zu stärken. Entscheidend ist zudem die kontinuierliche Weiterentwicklung der Maßnahmen. Kinderschutz ist kein einmaliges Projekt, sondern ein fortlaufender Prozess, der regelmäßig überprüft und angepasst werden muss.
Ihr Team sensibilisieren – mit dem Online-Kurs von mybreev & ECPAT Germany
Kinderschutz im Tourismus ist keine Frage der Unternehmensgröße – es ist eine Frage der Haltung. Und die beginnt bei jedem einzelnen Mitarbeitenden.
Gemeinsam mit ECPAT Germany hat mybreev einen Online-Kurs entwickelt, der genau hier ansetzt: spielerisch gestaltet, praxisnah und speziell auf die Tourismusbranche zugeschnitten. Ob Reisebüro, Hotelkette oder Reiseveranstalter – der Kurs sensibilisiert Ihr Team für Warnsignale und gibt klare Handlungsempfehlungen.
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