Awareness ist kein Extra: Wie das Karben Open Air Verantwortung übernimmt
Ein Festival soll ein Ort sein, an dem Menschen gemeinsam feiern und sich sicher fühlen können. Für das Karben Open Air ist das eine gemeinsame Verantwortung.
Deshalb setzt das ehrenamtlich organisierte Festival auf eine digitale Awareness-Schulung von mybreev für alle Vereinsmitglieder und Helfer*innen. Im Interview geht es darum, warum Awareness alle betrifft und wie digitale Lernformate dabei helfen, Wissen flexibel und nachhaltig zu vermitteln.
Ein Gespräch mir Rebecca Rose, Awareness Verwantwortliche beim Karben Open Air, über Toleranz, Zivilcourage und sichere Festivalräume.
Das Karben Open Air zählt zu den kleineren Musik-Festivals – trotzdem habt ihr euch aktiv entschieden, euer Awareness-Konzept durch externe Schulungen für alle zu systematisieren. Was war der Auslöser für diesen Schritt?
Uns ist es ein besonderes Anliegen, dass sich auf dem KOA alle Menschen wohl fühlen und dass sie sicher Spaß haben können. In einer sich wandelnden Welt, die sich entscheiden muss, ob sie für Toleranz und Offenheit oder Ausgrenzung steht, möchten wir uns aktiv für die Toleranz entscheiden. Dazu gehört für uns, dass Awareness-Arbeit ein wichtiges, aber sensibles Thema ist, das jenseits von vereinsinternen Hierarchien und Sympathien behandelt werden sollte. Uns ist wichtig, dass alle unsere Vereinsmitglieder und Helfer*innen lernen können, wie sie zu einer gerechteren Welt beitragen können, ohne Angst davor haben zu müssen, dass es Dinge gibt, die sie noch nicht wissen. Soziale Ungerechtigkeiten sind antrainiert, man kann sie aktiv verlernen. Dafür braucht es externe Lernräume, um Umdenken im Kleinen zu erlauben und Mut zu machen, das im Außen zu leben. Uns sind Awareness-Arbeit und Toleranz nicht neu, sondern Werte und Denkweisen, die wir seit vielen Jahren leben. Ein Mehr an Professionalität ist der nächste, logische Schritt einer andauernden Weiterentwicklung.
Viele kleinere Festivals denken: „Bei uns passiert sowas nicht." Wie habt ihr das bei euch intern diskutiert – und warum seid ihr zu einer anderen Einschätzung gekommen?
Dafür gibt es eine sehr einfache Antwort: „Bei uns passiert sowas nicht“ verschiebt Verantwortung! Dabei ist es völlig egal, ob bereits etwas passiert ist oder ob Betroffene einfach nicht die Ressourcen hatten, davon zu berichten, oder ob etwas passiert ist und das aufgearbeitet wurde. Wir wissen, dass auch unser Festival nicht einfach so diskriminierungsfrei und sicher für alle ist, aber wir haben eine Verantwortung für die Sicherheit aller Helfer*innen, Vereinsmitglieder, extern Angestellter, für Bands und die Gesellschaft als Ganzes. Wir haben eine Verantwortung, präventiv, intervenierend und nachsorgend zu arbeiten, denn niemand macht immer alles richtig. Wichtig ist, die eigene Verantwortung zu erkennen und wahrzunehmen. Wir wollen uns immer weiter entwickeln.
Ihr stellt die Schulung eurem gesamten Team zur Verfügung. Warum war euch dieser ganzheitliche Ansatz wichtig, statt einfach nur ein Awareness-Team aufzustellen?
Sicherheit betrifft uns alle. Manche von uns arbeiten vielleicht Vollzeit, andere studieren und wieder andere haben eine Familie, um die sie sich kümmern. Unser Alltag erlaubt es oft nicht, uns immer zu allen Themen fortzubilden. Als Festival ist es uns deshalb wichtig, dass alle Menschen, die bei uns helfen, wissen, wie sie die Werte, für die das KOA steht, tatsächlich leben können. Wir sind überzeugt davon, dass alle Menschen im Kleinen die Welt im Großen verändern können – auf dem KOA und im Alltag. Die Arbeit von unserem Awareness-Team geht aber über die Schulung hinaus. In der Vergangenheit haben wir mit professionell ausgebildeten Awareness-Helfer*innen aus einem Frauennotruf zusammengearbeitet und alle unsere Helfer*innen im Awareness-Team müssen über die Breev-Schulung hinaus weitere Expertise vorweisen.
Was versprecht ihr euch von einem digitalen Schulungsansatz für euer Festival?
Ein digitaler Schulungsansatz erlaubt uns Flexibilität. Uns ist wichtig, dass alle die Möglichkeit haben, in Ruhe an einer Schulung teilnehmen können, die nicht morgens um 8 Uhr ist oder mittags mal eben reingeschoben wird, wenn alle Mittag essen wollen.
Unsere Helfer*innen sollen die Schulung dann machen können, wenn sie die Zeit und Kapazitäten haben, wichtige Informationen aufzunehmen. In der Realität eines Festivalaufbaus ist dafür oft kein Platz. Deswegen haben wir uns für die digitale Lösung entschieden.
Welche Ressourcen braucht man als kleines Festival, um Awareness professionell zu schulen – und was würdet ihr anderen sagen, die denken, das sei zu aufwändig?
Das Karben Open Air ist eines der wenigen ehrenamtlich organisierten und ehrenamtlich durchgeführten Festivals in Deutschland. Das heißt, niemand von uns wird dafür bezahlt, auf dem Festival zu helfen und sich darüber hinaus noch weiterzubilden.
Insofern haben wir im Vergleich zu anderen Festivals oder Veranstaltungsorten eine größere Hürde – wenn wir etwas bewirken wollen, dann tun wir das in unserer Freizeit.
Darin liegt aber auch die Besonderheit des Karben Open Airs: Wir bemühen uns um Professionalität und ein gut ausgearbeitetes Awarenesskonzept, weil wir fest davon überzeugt sind, dass kein Weg daran vorbeiführen darf. Ansonsten können wir nur empfehlen, es zu versuchen. Jede kleine Veränderung ist besser als keine. Fortbildungen und viel gesammeltes Wissen findet man online (z.B. über die Initiative DAB) und Veranstaltungsorte wie der „Schlachthof Wiesbaden“ gehen mit gutem Beispiel voran. Daran wollen wir uns auch zukünftig orientieren.
Awareness ist bisher oft eine Frage des Engagements einzelner Menschen. Ihr habt euch für eine E-Learning-Lösung entschieden, bei der alle geschult werden können. Was unterscheidet das von dem, was viele bisher machen?
Der Einsatz einer ganzheitlichen Lösung schafft für uns eine gute Basis und bringt alle Helfer*innen auf einen Kenntnisstand. Von da aus kann Umdenken stattfinden und es werden neue Perspektiven eröffnet. In der Kommunikation untereinander ist das ein entscheidender Vorteil. Da gerade der Erstkontakt mit Betroffenen besonders wichtig ist und dieser sehr unterschiedlich und an unterschiedlichen Stellen auf dem Gelände auftreten kann, ist es von Vorteil, wenn unsere Helfer*innen wissen, was zu tun ist und wie sie mit Betroffenen umgehen können. Dabei ist es auch wichtig, dass unsere Helfer*innen ihre eigenen Grenzen respektieren und wissen, dass sie nie allein sind.
Was ist eure Botschaft an andere Festival-Veranstalter:innen, die noch zögern?
Politische Statements – und Awareness-Arbeit ist ein solches – erfordern Mut. Sie sind aber auch Ausdruck von Dingen wie Zivilcourage und gegenseitigem Respekt. Der Einsatz für eine gerechtere Welt ist anstrengend, vor allem weil wir oft zugeben müssen, dass wir in der Vergangenheit Fehler gemacht haben und von Systemen, die Menschen unterdrücken, profitiert haben. Das ist unbequem. Wer nicht von Diskriminierung, Gewalt oder Hass betroffen ist, kann leicht die Augen verschließen, aber dann ändert sich nichts. Wir möchten das ändern. Wir wollen unbequem sein und laut für Gerechtigkeit einstehen. Wir wissen, dass unser Festival und die Menschen, die es gestalten und besuchen, nicht perfekt sind. Das entbindet uns als Festival-Veranstalter*innen aber nicht von der Verpflichtung, uns immer wieder zu fragen, was wir besser machen können. Feedback, auch Negatives, ist gut für uns. Aufklärungsarbeit und Wandel dürfen nicht mehr Aufgabe von Betroffenen sein. Allyship, das ist die aktive Solidarität, heißt Wandel, nicht aus Zwang, sondern aus Überzeugung.
Wie stellst Du Dir eine Awareness-Schulung vor? Wie müsste diese Schulung sein, damit Du sie auch gerne machst?
Wichtig ist für uns, dass das Thema Awareness mit der notwendigen Ernsthaftigkeit angegangen wird, aber dass gleichzeitig Komplexität abgebaut wird. Viele stellen sich eine solche Schulung oder Lehrmaterial im Allgemeinen als große Hürde vor, weil es so viele Facetten gibt oder weil Abkürzungen und Fachbegriffe unklar sind. Natürlich ist es wichtig, ein ganzheitliches Bild zu zeichnen, aber wichtig ist, dass die Schulungsteilnehmenden nicht überfordert werden. Es muss möglich sein, sich kleine Teile des Themas im eigenen Tempo und ohne Druck zu erarbeiten.
Am Ende steht schließlich keine Note, sondern es sollen Denkanstöße dafür gesetzt werden, den eigenen Platz in der Gesellschaft und diese an sich zu reflektieren. Darüber hinaus müssen die Teilnehmenden an der Hand genommen werden, damit sie sich bei den Veränderungen, die der Umgang mit Awareness erfordert, nicht allein gelassen fühlen. Nur so kann ein guter Lernprozess stattfinden. Wir würden dem Ganzen gerne mehr Leichtigkeit einhauchen, aber wir wissen, dass es wirklich nicht einfach ist, sich mit eigenen Fehlern und Privilegien auseinander zu setzen. Wir würden die Schulung gerne machen, wenn es okay ist, Fehler zu machen, wenn man wirklich und ernsthaft dazu lernen darf und wenn mit Fehlern erstmal wohlwollend umgegangen wird. (Das ist aber natürlich kein Freifahrtschein.) Wir hoffen, dass unsere Helfenden und unsere Vereinsmitglieder die Schulung auch dann machen, wenn sie keine Lust haben, weil sie wissen, dass sie so zu einer schöneren Welt beitragen, ganz ohne eine Gegenleistung.
Und was sollte eine Schulung liefern, damit sie nachhaltig wirkt und nicht sofort wieder vergessen wird?
Eine Awareness-Schulung sollte mehrere Dinge abdecken: erstens, dass wir alle in gewaltvollen und unterdrückerischen Systemen und Strukturen leben und die meisten von uns davon profitieren; zweitens, dass man nicht immer was dafür kann, aber dass wir dafür verantwortlich sind, wie wir damit umgehen; drittens braucht es einen lebensweltlichen Bezug, also Beispielsituationen, die wir alle kennen; viertens braucht es relevante Verhaltensanweisungen und fünftens müssen Informationen enthalten sein, wo man sich Hilfe holen kann, wenn man sie braucht.
Die Schulung sollte Themen immer wieder aufgreifen und miteinander verknüpfen und damit Schritt für Schritt das erwähnte große Bild darstellen. Dazu müssen die einzelnen Themen gut nachvollziehbar sein können, vor allem, wenn man selbst nie betroffen war. Es ist notwendig, Teilnehmende in ihrer Empathie anzusprechen und klar und deutlich aufzuzeigen, was Gewalt mit Betroffenen macht, ohne Druck oder generelle Schuldzuweisungen. Empathie allein reicht aber noch nicht, deshalb muss die Schulung für alle Teilnehmenden Anknüpfungspunkte bieten, um einen weiterführenden Lernprozess aus eigenem Antrieb anzustoßen.